Geschichte der Herstellung eines gebundenen Clavichords

Diese Linien sende ich, um von einem höchstinteressanten musicalischen Erlebnis Rechenschaft zu geben, ein Erlebnis, dass ich allen, die sich für historische Claviere interessieren, herzlich empfehle.

Ich habe an den von J.-G Schmidt in Rostock („Jogosch“ auf Clavieronline.net) organisierten Clavichordbaukurs Ende Oktober 2010 teilgenommen. Die Ankündigung dieses Kurses, der zweimal pro Jahr stattfindet, ist auf dem Website www.cembalobau.de zu finden; clicken „Workshop“.

Ich wohne in einer schönen Weingegend nicht weit von Lausanne, bin französischsprechend, und spiele Cembalo als Amateur. Ich hatte vor wenigen Jahren die Gelegenheit, bei einem Freunde einen ganzen Nachmittag auf seinem Clavichord (gebunden, nach süddeutschem Muster) zu spielen. Deswegen hat es mich sofort interessiert, wenn ich auf Clavieronline.net „Jogosch“’s Angebot (mit dem Versprechen, dass die Teilnehmer, die mit leeren Händen gekommen sind, mit einem selbstgebauten Instrument heimfahren werden…) gelesen habe.

Darum habe ich mich eingeschrieben und mich vorbereitet, indem ich für das geschildertes Instrument (gebundenes Clavichord) passende Musik mehrere Monaten geübt habe (vor allem tientos von Cabezon, und tentos von Coelho).

Aber eigentlich muss ich sagen, dass ich kaum glauben konnte, dass daraus ein brauchbares Instrument entstehen kann. Ich meinte, es werde so oder so ein Interessantes Erlebnis, aber ich war bereit, mit leeren Händen – oder etwa mit einem Streichhölzerschachtel – zurückzukommen. Um so mehr, weil ich gar kein Bastler bin une keine Erfahrung auf dem Gebiet Handwerk habe; früher, als Schüler, hatte ich bei Werken immer schlechte Noten gehabt.

Wenn ich meinem clavichordspielenden Freund vor dem Kurs erzählte, dass ich mich für einen einwochenlangen Clavichordbaukurs eingeschrieben hatte, antwortete er sofort: innerhalb einer Woche kannst du gar nichts im Gebiet Instrumentenbau anfangen. Im besten Fall könnte es so sein, dass du die Stücke einer Art Kit zusammensetzst.

Aber es war viel mehr, als mein Freund meinte. Es stimmt natürlich, dass die äusseren Stücke vorbereitet waren. Aber die Klaviatur selbst war nicht in Stücken vorbereitet, sondern sie bestand aus einem Brett, das wir vom Anfang bis zu Ende zu sägen hatten. Die Arbeit war es, das Korpus zu verleimen, viel zu bohren, an der Band- oder Dekupiersägemaschine die Klaviatur aufzuschneiden, Stifte, Drehzapfen, Wirbel einzulegen, Saiten aufzuziehen, Tangenten zu setzen.

Wie ist das möglich, ein Clavierinstrument im Rahmen eines einwochenlangen Kurs zu bauen? Erstens wegen dem Muster selbst. Leicht zu bauenden Instrumente sind nicht häufig. Aber der Baumeister hatte ein historisches Modell festgelegt, dass er mit wenigen belanglosen Anpassungen dazu bringen konnte, als Muster für einen solchen Instrumentenbaukurs brauchbar zu werden. Und zweitens wegen einer sehr guten Organisierung der Arbeit und wegen der aufmerksamen, beständigen Anwesenheit und den Anweisungen und Ratschlägen des Fachmanns.

Man könnte glauben, weil dies eine Amateurarbeit sei, brauche man nicht, wertvolle Werkstoffe dafür zu benützen. Aber ganz im Gegenteil: es wurden dazu sieben schöne Holzabarten gebraucht: Fichte für das Gehäuse, Linde für die Klaviatur, Ahorn für die Stücke, in denen die Stiften eingelegt werden, Olivenbaum für die Deckung der Untertasten, Mahagonni für die Obertasten; eine dünne, jahrelang getrocknete Schicht Fichte mit dicht gedrängten, regelmässigen Fasern für das Resonanzboden; und schönes Rüsterholz für das äussere Kasten. Die Saiten sind teilweise aus Messing, teilweise aus Kupfer. Also ein sehr schönes Wertobjekt (obwohl dieser Standpunkt für mich nicht der wichtigste ist). Sie können Photos vom ihm in der Beilage ansehen.

Was der Kurs mir gebracht hat, war weit über allen meinen Erwartungen, sei es vom Stanpunkt des Erlebnisses selbst, oder vom Standpunkt des klänglichen und musikalischen Ergebnisses.

Vom Standpunkt des Erlebnisses möchte ich sagen, dass ich ein älternder, ziemlich unruhiger und ungeduldiger Mensch bin; ich konnte erfahren, wie bei jeder Phase der Arbeit, die an Anfang mit viel Spannung angegriffen wurde (der Meister musste immer wiederholt „ruhig, ruhig…“ sagen) schliesslich die unvermeidliche, mehrmalige Wiederholung jeder Gebärde beruhigend wirkt (aber trotzdem : die nötige Aufmerksamkeit darf nicht aufgegeben werden…). Ein Erlebnis war es auch vom Standpunkt der Sprache (es war für mich eine anstrengende Übung, ausschliesslich und ohne möglichen Zuflucht in französischen Ausdrücken, Deutsch, für mich sonst nur eine Lesesprache, während mehreren Tagen sprechen zu müssen). Es war auch eine Freude, mit meiner sympathischen chinesichen Kollegin aus Singapur, die in Berlin Musikologie studiert und sehr schön Cembalo spielt, zu arbeiten und Eindrücke wechseln…

Das wichtige ist aber das Ergebnis auf dem Klang- und Musikgebiet. Man könnte glauben, aus einem solchen Kurs könne man etwa ein Spielzeug erwarten, aber kein wirkliches Musikinstrument. Dass es doch ein richtiges Musikinstrument ist, und sogar ein schönes, beweist (so glaube ich) die Aufnahme, die ich gemacht habe, von den Romanesca-Variationen von Frescobaldi, die Sie hören können, wenn Sie

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. Aufpassen: die Lautstärke nicht zu hoch einstellen!

Man muss aber von vorneherein im Klaren sein, dass man beim Heimkehr nicht sofort ein spielbereites Instrument hat. Es braucht noch Arbeit zu Hause, bis es wirklich gut spielbar ist. Um es richtig (mitteltönig) stimmen zu können, muss man zuerst die Intervallen innerhalb der Gruppen von Noten, die auf das gleiche Saitenpaar gespielt werden, genau bestimmen, und die Tangenten so biegen, dass diese Intervallen, die dann fixiert bleiben, mit der mitteltönigen Stimmung übereinstimmen (dabei ist es empfohlen, mit zwei Zangen zu arbeiten, um das Holz der Tasten zu schonen).

Natürlich muss man auch über die Eigenschaften und Einschränkungen dieses Instrumenttypus im Klaren sein. Zuerst natürlich dass es sich um ein Clavichord handelt, also ein Instrument die von Natur aus ein leises Ton hat (aber das braucht man den regelmässigen Besuchern von Clavieronline nicht zu sagen). Das Repertoire, sagen wir von etwa 1540 bis etwa 1650 oder sogar später, ist sehr umfangreich. Aber dabei muss man mit drei Einschränkungen rechnen: 1/ wegen der kurzen Oktave (viele Instrumente dieser Epoche haben diese Einrichtung, aber nicht alle, so dass es auch Stücke mit tiefem Fis oder Gis gibt, die man nicht, oder nicht ohne gewisse Anpassungen, auf einem solchen Instrument spielen kann); 2/ wegen der mitteltönigen Stimmung : bei der Fixierung der Intervallen innerhalb der Gruppen von Noten, die auf das gleiche Saitenpaar gespielt werden, hat man definitiv zwischen Dis und Es, bzw. zwischen As und Gis, wählen müssen; natürlich wird es empfohlen Es, resp Gis zu wählen. Aber es sind Stücke mit einem As (z.B. die erste Pavane von Byrd im Nevell-Buch, um 1590 oder früher) oder einem Dis; beim Cembalo kann man die Stimmung adaptieren, beim gebundenen Clavichord dagegen nicht; 3/ wegen der Tatsache, dass Noten, die auf das gleiche Saitenpaar gespielt werden, nicht zugleich gespielt werden können, so dass gewisse kleine oder grosse Sekundenintervalle nicht im Zusammenklang gespielt werden können.

Trotzdem ist es oft (nicht immer) möglich, tragbare Anpassungen zu finden, die es ermöglichen, auch die betroffene Stücke zu spielen. Im musikalischen Beispiel sind mehrere Fälle von solchen Anpassungen wegen unmöglichen Sekunden Aber ich glaube nicht, dass Sie beim Zuhören etwas gemerkt haben oder dass es Sie gestört haben kann.

Als ich den Klang des Instruments dank der Aufnahme wie von aussen hören konnte, hatte ich eine Überraschung : der Klang meines Clavichords schien mir viel näher an demjenigen einer Gitarre oder Laute, als es der Fall für das Cembalo ist. Das ist ganz in Gegensatz zu der Tatsache, dass das Tonerzeugungmodus des Cembalo demjenigen der Gitarre näher ist, als es der Fall für das Clavichord ist. Aber es ist deutlich so.

Im Ganzen kann ich also sagen, dass ich nach diesem Clavichordbaukurs über ein schönes, anspruchsvolles Instrument verfüge, das bei guten Tagen (das gibt es auch) viel Vergnügen beim Spielen bereiten kann.

Es lohnt sich!

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